NAX Report 03/17: Interview Snøhetta

Erfahrungsbericht eines international erfolgreich tätigen Büros: Interview mit Jette Hopp, Projektleiterin, leitende Architektin, Snøhetta

© Snøhetta

Jette Cathrin Hopp

 

NAX: Liebe Frau Hopp, das norwegische Büro Snøhetta ist sowohl in Norwegen als auch in Europa und international sehr erfolgreich mit Projekten tätig, u.a. haben das Memorial Museum in New York oder die Oper in Oslo für viel Anerkennung und Aufmerksamkeit gesorgt.
Was macht Ihr Büro zu einem „norwegischen“? Wie unterscheidet sich Ihrer Erfahrung nach die skandinavische Arbeitsweise und Architektur z.B. von der deutschen?

Jette Hopp: Snøhetta ist nicht nur ein Architekturbüro, sondern umfasst auch grafisches Design, Landschafts- und Innenarchitektur sowie Industrie-Design. Diese Mischung von Disziplinen ermöglicht es uns, eine eigene sozialpolitische Plattform zu schaffen und Projekte auf vielen Ebenen zu beeinflussen. Die Anerkennung und Einbeziehung anderer Berufe auf dem Gebiet der Architektur ist meines Erachtens nach ein norwegisches Kennzeichen, das vielleicht auch ein wenig in der deutschen Architekturkultur fehlt.

 

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Opernhaus in Oslo, Norwegen

 

Unser inhaltlicher Ansatz stammt daher aus einer langjährigen nordischen Tradition, die sich an humanistischen Werten wie Offenheit, Gleichheit und Großzügigkeit orientiert. Unsere Projekte drücken die verschiedenen Voraussetzungen - die jede Bauaufgabe mit sich bringt- aus und sind nicht nur „style driven“. Hieraus entfaltet sich die Einzigartigkeit jedes Objekts, jedes Designs und jedes Resultates. Snøhettas architektonische Lösungen fallen hochgradig individuell aus, da es uns wichtig ist, Werte und Identität des Auftraggebers einfließen zu lassen und den Kunden gleichermaßen auf allen Ebenen mit einzubeziehen. Daher beginnt jedes Projekt mit einem Workshop. Die dabei erarbeiteten Ideen und Werte führen dann –  wie ein roter Faden – durch den gesamten Projektverlauf.

Snøhettas Haltung zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass Gebäude auch als sozialer Raum wahrgenommen werden und einen gesellschaftlichen Mehrwert bieten sollen. Wir haben erkannt, dass die öffentliche Repräsentation von Architektur von der horizontalen Zugänglichkeit eines gebauten Raumes abhängt.  In diesem Sinne werden Gebäude wie die Osloer Oper gestaltet, auf deren Dach spaziert werden kann und auf deren Terrasse öffentliche Konzerte abgehalten werden. 

 

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The 7th Room

 

Im Mittelpunkt aller Arbeit von Snøhetta steht die Verpflichtung, die gebaute Umwelt in der Langlebigkeit unseres Planeten zu gestalten. Unser interdisziplinäre Entwufsmethodik sorgt dafür, dass unsere Projekte sowohl poetisch als auch pragmatisch sind, indem hohe architektonische Qualität in Verbindung mit nachhaltiger Bauleistung arbeitet. Ein Engagement für soziale und ökologische Nachhaltigkeit ist ein Schlüssel zum Erfolg für das öffentliche Eigentum an der gebauten Umwelt. Snøhetta erkennt die vielfältigen Umgebungen der Bauindustrie an und setzt sich weiterhin für eine sorgfältige Analyse der ökologischen und sozialen Auswirkungen jeder Phase eines Projekts ein, im Sinne des „Form follows environment“.

Von außen her betrachtet, kann es so aussehen, als seien die architektonischen Prozesse in Deutschland nach wie vor hierarchisch. Starke Meisterarchitekten sind eindeutig in der öffentlichen Diskussion präsent; wohingegen die kollektiven kreativen Prozesse, die sich aus der extremen Komplexität der Architektur entwickeln, nicht einer größeren Öffentlichkeit kommuniziert werden.

Während Norwegen seit vielen Jahren auf kollektive Prozesse und interaktive Nutzerpartizipation in komplexen Gestaltungsprozessen sowie die Suche nach demokratischen Ausdrucksformen im Dienste seiner Gesellschaft setzt, hat Deutschland vielleicht eine mehr autonome Position für Architektur beibehalten.

Dies könnte der größte Unterschied zwischen norwegischen und deutschen Architekturprozessen sein. Eine gute Balance zwischen den beiden wäre ideal.

 

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Studio Snøhetta

 

NAX: Sie haben einen sehr „anderen“ und kreativen Ansatz bei der interdisziplinären Arbeit – können Sie uns hierzu mehr sagen?

Jette Hopp: Die Zusammenarbeit während eines Projekts führen wir bei Snøhetta über einen transdisziplinären Prozess aus, in dem verschiedene Fachleute - von Architekten über bildende Künstlern, Philosophen bis hin zu Soziologen - gegenseitige Perspektiven erforschen, ohne sich von Konvention beeinträchtigen zu lassen.  Snøhetta unterstreicht einen offenen Austausch zwischen Rollen und Disziplinen - Architekten, Landschaftsarchitekten, Innenarchitekten und Grafikdesigner arbeiten in einem integrierten Prozess zusammen und sorgen dafür, dass mehrere Stimmen vom Beginn des Projekts an vertreten sind. Bei der Arbeit mit Kunden oder anderen Stakeholdern setzt sich dieser Ansatz in einer Arbeitsmethode fort, die wir "Transpositionierung" genannt haben, indem wir die Kunden dazu auffordern, selbst Architekten und Planer zu werden. Der kollektive Designprozess führt zu einer gemeinsamen Wissensbasis und einer gemeinsamen Investition in die Entwicklung. Dies wiederum wird alle Parteien ermutigen, die Verantwortung zu übernehmen, die erforderlich ist, um die Ideen durch spätere Phasen zu sichern. Regelmäßige Team-Meetings erlauben den kreativen Austausch auch in Zusammenarbeit mehrerer Büros. Für das Bearbeiten eines Projekts ist es nicht unbedingt notwendig, immer am selben Ort zu sein.

 

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Times Square

 

NAX: BIM und die Digitalisierung beeinflussen schon heute international Planungs-, Realisierungs- und Kommunikationsprozesse, vor allem auch in der Architektur. Wie geht Snøhetta damit um?

Jette Hopp: Building Information Modeling (BIM) ist in den letzten 10 Jahren zu einem wichtigen und integrierten Bestandteil jedes Prozesses der Planung und des Baus von Gebäuden in den nordischen Ländern geworden. Ausgehend von einzelnen Architekturbüros, die Revit lernten, hat sich die gesamte Branche auf die Verwendung von Modelldaten in allen Phasen von Designwettbewerben bis hin zu Management, Betrieb und Wartung bewegt.

Als internationales Beispiel kann man unser Bauprojekt in Paris, den Hauptsitz der französischen Zeitung „Le Monde“, erwähnen. Hier baut ein Snøhetta Architektenteam in einer Kombination aus Computertools, Building Information Modeling und Cloud-basierten Interoperabilitätsplattformen eigene Design-Workflows auf. Der Workflow ermöglicht es Snøhetta und den involvierten externen Partnern, die sehr komplexen Gebäudeentwürfe zu koordinieren und zu kommunizieren sowie Designänderungen in einer Live-Datenbank zu verwalten und zu warten. Mithilfe von Tools wie Revit, Rhino, Grasshopper, Dynamo und Flux können die Teammitglieder effektiv miteinander kommunizieren.

BIM und andere technische Entwicklungen werden selbstverständlich in unsere Prozesse mit einbezogen. In der Zukunft wird es immer mehr darauf ankommen, Systeme und Technologien sinnvoll miteinander zu vernetzen.

NAX: Vielen Danke, dass Sie sich die Zeit genommen haben, unsere Fragen zu beantworten. Wir sind gespannt auf die nächsten spektakulären Snøhetta-Projekte!

 

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