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NAX Report 04/17: Interview ÜberRaum Architects: Erfolgreich Planen in UK

Erfahrungsbericht eines international erfolgreich tätigen Büros: Interview mit Markus Seifermann, ÜberRaum Architects

© ÜberRaum Architects

Markus Seifermann

 

NAX: Lieber Herr Seifermann, nach langjähriger Erfahrung in Deutschland und in Europa leben und arbeiten Sie seit 2005 erfolgreich in England/London. Was war die Initialzündung, um diesen Schritt mit seinen Chancen und Herausforderungen zu wagen?

Seifermann: Erste Erfahrungen mit internationalen Projekten konnte ich bereits früh sammeln nach Mitarbeit in Büros wie Zeidler Partnership (Toronto) oder NAX-Patenbüro Auer Weber (Stuttgart).

 

Nach England zog es mich dann mit einem DAAD-Stipendium an die UCL / Bartlett School of Architecture, woran sich eine Mitarbeit bei Make Architects London anschloss. Somit konnte ich schon einiges an Erfahrung beim internationalen Planen und Bauen gewinnen.

Initialzündung für die Arbeit im Ausland war jedoch meine Masterarbeit „The Lost Space of Stiller“, eine räumliche Interpretation des Romans Stiller von Max Frisch. Daran schloss sich die Beauftragung des Max Frisch - Archivs an der ETH Zürich für die Jahresausstellung an der ETH Bibliothek 2009 an.

2012/13 haben meine Frau und ich dann in London ÜberRaum Architects gegründet, ein internationales und interdisziplinäres Architekturbüro mit Sitz im Zentrum von London. Architekten, Kunsthistoriker und Projektmanager handhaben bei uns alle Aspekte des Bauprozesses, unsere Projekte rangieren von Wohn- und Bürogebäude, über die Einrichtung von Einzelhandelsgeschäften bis hin zur Renovierung von denkmalgeschützten Gebäuden.

 

© ÜberRaum Architects, Foto: Lyndon Douglas

Deutsche Botschafterresidenz London

 

NAX: Wie werden Sie als deutsche Architekten in Großbritannien wahrgenommen? Gibt es eine bestimmte Erwartungshaltung an Sie? Wie begegnen Sie dieser? Verstehen Sie sich als deutscher Planer im Ausland noch als Botschafter der Marke „Made in Germany“?

Seifermann: Als deutsche Büroinhaber werden wir natürlich oft auch als ‚deutsch’ wahrgenommen, wobei wir in unserem Büro in London, wie gesagt, ein sehr internationales Team sind.

 

 

Interessanterweise wird die Marke „Made in Germany“ oft eher auf das technische Verständnis und die verwendeten Produkte als auf die Service-Leistung bezogen. Unser Büro ÜberRaum Architects hatten wir zunächst klar dahingehend ausgerichtet, für deutsche und internationale Firmen in UK zu bauen. Somit übernehmen wir oft eine Art „Vermittlerrolle“ zwischen lokalen Gepflogenheiten in England und den Vorstellungen aus anderen Ländern. Dies spiegelt sich auch in unseren Projekten / Auftraggebern wieder. Wir haben u.a. für die deutsche Regierung (Auswärtiges Amt: Deutsche Botschaft) Projekte realisiert. In London und in Istanbul haben ÜberRaum Architects die ZDF-Auslandsstudios sowie den ersten Degussa-Goldshop in London (Sharps Pixley) gebaut. Aktuell renovieren wir gerade die denkmalsgeschützte Fassade des Goethe-Instituts in South Kensington / London. Unsere Auftraggeber sind aber nicht ausschließlich deutsch, sondern wir planen und bauen beispielsweise auch für die thailändische, spanische und rumänische Regierung in England.

 

© ÜberRaum Architects

Generalsanierung Deutsche Botschafter Residenz London

 

NAX: Können Sie uns etwas über die Baurealität in UK sagen? Gibt es Unterschiede in der Zusammenarbeit von Architekt, Bauherr / Behörden oder bei den Planungs- und Prozessabläufe?

Seifermann: Vieles an den Prozessabläufen ist ähnlich wie in Deutschland. Die Unterschiede aber sind entscheidend. So ist beispielsweise der Beruf des Architekten in UK weniger der eines Generalisten; die Betreuung der Kosten übernehmen so genannte „Quantity Surveyor“; Ausschreibungen werden von „Spec Writers“ durchgeführt. Somit kann sich der Architekt stärker auf seine Hauptaufgabe, den Entwurf, konzentrieren. ÜberRaum Architects bieten bewusst das Gesamtpakt von Entwurf über Planung und Ausschreibung bis zur Bauleitung an, was uns auf dem Londoner Markt besonders attraktiv macht - auch als «Local Architects» für andere Architekten, die hier ein Projekt abwickeln, aber keine Präsenz in der Stadt haben.

 

Unterschiede im Vergleich zu Deutschland gibt es auch in der Zusammenarbeit mit Ämtern und Behörden. So gibt es beispielsweise keinen Bebauungsplan (im deutschen Sinne), weshalb ein Baugenehmigungsverfahren oftmals eine langwierige Sache mit unbekanntem Ausgang ist. Dafür ist die Freiheit für jeden Entwurf wiederum grösser, eben weil hier die Vorgaben ungenau bleiben.

 

© CGI: ÜberRaum Architects

Restaurant in London

 

NAX: Thema BIM und Digitalisierung - nutzen Sie die BIM-Methode? Wie sind Ihre Erfahrungen hier bei der Realisierung von Projekten in UK?

Seifermann: Inzwischen haben wir das gesamte Büro auf BIM umgestellt. Dies war zunächst einmal eine schmerzhafte Erfahrung, da sich der Planungsprozess zuerst verlangsamte, bis sich alle Beteiligten - Team und Fachingenieure - eingearbeitet hatten.

 

Inzwischen nutzen wir BIM für alle Neubauprojekte. Bei Renovierungen und Generalsanierungen von Altbauten wägen wir vorher ab, ob es sich zeitlich lohnt, das bestehende Gebäude datentechnisch zu erfassen. Bei kleineren Projekten ist dies oft nicht der Fall.

Viele Bauherren, vor allem öffentliche Auftraggeber in UK, setzen BIM inzwischen voraus, oftmals ohne zu wissen, was sie eigentlich davon haben werden. Der Begriff BIM ist auch in UK schon zum Modewort verkommen, bevor überhaupt klar war/ist, was er beinhaltet. Eine gemeinsame ‚Zieldefinition’ am Beginn eines Projektes ist das A und O für den letztendlichen Erfolg. Unsere Erfahrung ist, dass der Bauherr von Anfang an in den BIM-Prozess miteingebunden werden muss, mit Rechten und Pflichten wie alle anderen Projektbeteiligten. Dann ist BIM eine wunderbare Arbeitsweise und kann sehr effizient sein.

 

© ÜberRaum Architects

Clastone London

 

NAX: BREXIT and beyond - wie sehen Sie die weitere Entwicklung? Bietet Großbritannien aus Ihrer Sicht noch Chancen für deutsche Architekten?

Seifermann: Seit dem Referendum haben wir mehr Aufträge als zuvor. Dies liegt u.a. daran, dass ausländische Property-Investoren das niedrige Britische Pfund (GBP) nutzen, um aktuell in Großbritannien zu investieren. Unser Problem ist momentan viel eher, gute Architekten/innen zu finden, denn der Brexit schreckt bereits jetzt schon viele nicht-englische Architekten/innen davon ab nach Großbritannien zu kommen. 

Da sich noch keine verlässliche (politische) Richtung abzeichnet, überwiegt die Unsicherheit, die der Brexit mit sich bringt. Eine Einschätzung ist daher zum heutigen Stand schwierig. Somit erleben wir die momentane Brexit-Phase einerseits als sehr chancenreich, gleichzeitig aber auch als unberechenbar. Unser Ansatz ist es, die Chancen zu nutzen und flexibel zu bleiben.

 

Das wäre auch mein Rat an deutsche Kollegen, deren Wissen und Ausbildung in Großbritannien immer sehr geschätzt wird. Gerade London ist nach wie vor eine aufgeschlossene und sehr liberale Stadt mit ebenfalls sehr offener Architekturszene.

NAX: Wir bedanken uns sehr herzlich für Ihre Zeit und die Beantwortung unserer Fragen, die unseren Lesern wertvolle Informationen mit auf den Weg geben. Ihnen weiterhin viel Erfolg!