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NAX Report 03/14: Testplanungsverfahren als Ergänzung zu Wettbewerben in der Schweiz

Testplanungsverfahren als Ergänzung zu Wettbewerben in der Schweiz Prof. Dr. Bernd Scholl, Institut für Raum- und Landschaftsentwicklung an der ETH Zürich

Prof. Dr. Bernd Scholl

© ETH Zürich

Prof. Dr. Bernd Scholl

 

Prof. Scholl gilt als einer der Väter des in der Schweiz mehr und mehr zur Anwendung kommenden Testplanungsverfahrens. Das Verfahren stellt eine Ergänzung zu Wettbewerben für Projekte mit hohem Schwierigkeitsgrad in der Schweiz dar, mit dessen Hilfe die für einen Wettbewerb nötigen guten Rahmenbedingungen von Ideenteams ermittelt werden.

Architekten, die in der Schweiz arbeiten möchten, werden mit dem Testplanungsverfahren hauptsächlich in der stadt- und raumplanerischen Problematik konfrontiert, wo sie sehr häufig, und mit nicht geringem Kostenaufwand, durchgeführt werden. In der Spezialisierung Stadt- und Raumplanung sieht Prof. Scholl die größten Chancen für deutsche Architekten, die in der Schweiz tätig sein wollen. Hier werden qualifizierte Fachkräfte gesucht, die sich den Herausforderungen des Schweizer Ansatzes, die Weiterentwicklung der Städte und die Transformation des Bestandes innerhalb der bereits vorhandenen Siedlungsgrenzen zu widmen (Neueinzonungen und „Bauen auf der grünen Wiese“ sollen in der Schweiz in Zukunft die Ausnahme bleiben), stellen wollen.

Im Folgenden stellt Prof. Scholl die Methode Testplanungsverfahren kurz vor:

„Für eine auf Wirkung bedachte Raumplanung und Raumentwicklung sind zweckmäßige Methoden unerlässlich. Auswahl und Einsatz von Methoden sollen sich nach den zu lösenden Aufgaben richten und sie sollen dazu beitragen, dass, entsprechend dem Stand der Wissenschaft, die an den raumrelevanten Planungen und Entwicklungen beteiligten Disziplinen bestmögliche Resultate erzielen. Für komplexe Aufgaben, deren Lösung meist auch von strategischer Bedeutung für die jeweilige Raumentwicklung ist, steht mit den sogenannten Testplanungsverfahren eine Verfahrensinnovation zur Verfügung [1] .
Testplanungsverfahren konnten sich in den vergangenen Jahren bei zahlreichen schwierigen Aufgaben der räumlichen Entwicklung, bei unterschiedlichen räumlichen Maßstäben und thematischen Schwerpunkten, bewähren. Sie gehören zur Gruppe der kooperativen Planungsverfahren und gehen auf Prinzipien zurück, die beispielsweise im Wiener Modell [2] erprobt worden sind. Kerngedanke von Testplanungen ist es, im Rahmen eines nach bestimmten Prinzipien gestalteten Prozesses den Austausch über mögliche Lösungsideen, ihre Vor- und Nachteile und die daraus zu ziehenden Schlussfolgerungen in Gang zu setzen.
Durch Testen unterschiedlicher Ideen im Wechselspiel von Entwurf und Kritik lassen sich mit der Zeit zu verfolgende grundsätzliche Lösungsrichtungen und die für das Verwirklichen bedeutsame Argumentation herauskristallisieren. Testplanungsverfahren liefern damit einen organisatorischen und kommunikativen Rahmen für exploratives und gemeinsames Lernen. Erkundende Suche nach den tauglichen Lösungen, in begrenzter Zeit und in mehreren Durchgängen, mittels konkurrierender Ideen, steht dabei im Zentrum.
Kern des Verfahrens sind deshalb konkurrierende Entwürfe von mehreren Planungsteams, die in einem kooperativen Prozesses mit einem interdisziplinär zusammengesetzten Beurteilungsgremium zusammenwirken. Aus den verfolgenswerten Beiträgen werden im Anschluss und nach sorgfältiger Auswertung weiterführende Empfehlungen der Exekutivverantwortlichen erarbeitet. Sie bilden die Richtschnur der an der Realisierung beteiligten Akteure über längere Zeiträume.

 
Typische Aufbauorganisation Testplanungsverfahren

© Prof. Dr. Bernd Scholl

Typische Aufbauorganisation Testplanungsverfahren

 

Grundprinzipien

Durch wechselnde Situationen und Konstellationen und der damit begründeten Situationslogik, soll erwünschtes Verhalten der beteiligten Akteure stimuliert und gefördert werden. Um dies zu erreichen, sind Testplanungsverfahren zeitlich begrenzt und folgen im organisatorischen Aufbau und Ablauf wenigen wichtigen Prinzipien.


 

Dazu gehören als Kern:

  • beizuziehende Teams (mindestens drei, meist vier) für den Entwurf konkurrierender Lösungsvorschläge,
  • ein Beurteilungsgremium (meist sieben bis elf Personen) bestehend aus Experten der Verwaltung und unabhängigen  Experten, das den Prozess führt und begleitet sowie
  • Exekutivgremium (ein oder mehrere meist politische Exekutivvertreter), welches den Auftrag zur Durchführung erteilt und dem das Beurteilungsgremium regelmäßig über den Fortgang der Arbeiten und die abschließenden Empfehlungen berichtet.


Auf diesem organisatorischen Fundament können Vor- und Nachteile gefundener Lösungsansätze im Dialog ausgetauscht und zu einem Vorschlag über die zu verfolgende Richtung verdichtet werden. Die damit gegenüber üblichen Planungsverfahren drastische Reduktion der Hierarchieebenen und weitgehende Differenzierung der Rollen erlaubt es, zentrale Erkenntnisse ohne Umwege zu kommunizieren. Zeitraubenden Abstimmungen mit der Möglichkeit bzw. Gefahr, wichtige Informationen zu übersehen, zu filtern oder gar zu verfälschen, wird dadurch entgegengewirkt.“

Um in der Schweiz Fuß zu fassen empfiehlt Prof. Scholl weiter, an Wettbewerben teilzunehmen, aber auch Kooperationen zu nutzen, die die Realisierung von Projekten ermöglichen könnten. Das Freizügigkeitsabkommen mit der EU bestehe weiter, Fachleute würden gesucht. Man solle sich jedoch immer ausführlich und ganzheitlich über Gepflogenheiten, Eigenarten, Sprache etc. in der Region informieren, die man für sich als Arbeits- und Lebensmittelpunkt in der Schweiz auserkoren möchte.

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[1] Damit ist auch gesagt, dass Testplanungsverfahren für übliche Routine- und Projektaufgaben unangemessen sind. Eine erste wesentliche Aufgabe ist deshalb die Klärung des Aufgabentyps.

[2] Das Wiener Modell. Freisitzer, K.; Maurer, J. (1987).

Methode Testplanung, Text und Skizze: Prof. Dr. Bernd Scholl, seit 2006 ordentlicher Professor am Institut für Raum- und Landschaftsentwicklung an der ETH Zürich, von 1997 bis 2006 Leiter des Instituts für Städtebau und Landesplanung in Karlsruhe.

 
 

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