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NAX Report 03/20: Interview mit NAX-Pate YZ

The Grid – Ein Dreiklang aus Nachhaltigkeit, Gebäudemanagement und bedürfnisorientierter Arbeitswelt Jessica Borchardt von NAX-Pate BAID im Interview

Das Hamburger Architekturbüro BAID (Borchardt / Architektur / Interior / Design) steht für zeitgemässe Architektur in einem ganzheitlich verstandenen Zusammenhang von Planung und Realisierung und widmet sich den Schwerpunkten hochwertiger Wohnungsbau und Planung von großen Büro- und Verwaltungskomplexen. Im NAX-Interview berichtet Inhaberin und Geschäftsführerin Jessica Borchardt von dem Projekt THE GRID in Essen.

 

© Wittmar Deimel

Vertikale und horizontale Gliederung durch weißes Fassadenband

 

NAX: Durch den oftmals sehr hohen Verbrauch an Energie und Materialien trägt das Baugewerbe nicht unbedeutend zum Klimawandel bei. Durch die Gestaltung von Gebäuden und die Wiederverwendung von Materialien ist es möglich, den ökologischen Fußabdruck drastisch zu verringern und somit einen hohen ökologischen Mehrwert zu erzielen. Mit dem Neubau der Firmenzentrale DB Schenker AG („THE GRID“) in Essen hat BAID ein Gebäude mit einer hervorragenden Ökobilanz entworfen. Wodurch zeichnet sich diese aus und welche Rolle spielte bei Ihrer Planung eine nachhaltige Bauweise?

 

Jessica Borchardt: Das Projekt zeichnet sich zunächst durch seine auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Bauweise, seine Kubatur und die zukunftsweisende, integrale Gebäudetechnik aus. Die Nutzungsbereiche gruppieren sich in Einheiten zu je 400 Quadratmetern um die Erschließungskerne und die notwendigen Versorgungsschächte. Die dadurch ermöglichende gemeinsame Nutzung der Erschließungsflächen verringern prozentual den Anteil an kostspieligen und aufwändigen Konstruktionsflächen erheblich.

 

© Heike Kölbl

Jessica Borchardt, Geschäftsführerin BAID

 

Diese Anordnung birgt zudem zahlreiche Vorteile in Bezug auf eine mögliche Mehrfachnutzung, bzw. Multi-Tenant-Fähigkeit. Gleichzeitig wird durch diese zwiebelhautgleiche Anordnung die Aufenthalts- und Arbeitsqualität spürbar gesteigert. Der hochfrequentierte Bereich konzentriert sich damit zu den innenliegenden Erschließungskernen. Die Ruhe zum Arbeiten wird in Richtung der lichtdurchfluteten Glasfassaden bereitgestellt. Die dezidiert nutzungsorientierte Planung wurde durch die frühzeitige Einbeziehung der Mitarbeiter gewährleistet. Das erklärte Ziel war es, einen effektiven und optimalen Flächenansatz zu entwickeln, der ein passgenaues, aber gleichzeitig flexibles Raumprogramm zum Ergebnis hat.

 

© BAID

Openspace ohne Durchgangsverkehr

 

Ressourcenschonend wirkte sich hier die gelungene Erhöhung des Nutzungsflächenanteils aus. Als ideale Kubatur zur Erreichung der gesteckten Ziele hat sich die Doppel-X-Struktur herauskristallisiert. Ihr ist letztlich auch die überzeugende Grundrissoptimierung zu verdanken, sodass trotz eines hohen Flächenbedarfs auf die Planung eines Hochhauses mit zusätzlichem Aufwand und Kosten verzichtet werden konnte. Durch sein ausgewogenes Verhältnis von transparenten zu den geschlossenen, hochwärmegedämmten Flächen – im Verhältnis von ca. 60% zu 40% – und der gewählten Bauteilqualitäten wurde es energetisch optimiert und auf die neueste Energieeinsparverordnung ausgelegt. Eine kritische, lebenszyklusorientierte Kostenbetrachtung hat die Erwartungen an Wertstabilität, moderate Betriebs- und Wartungskosten, bis hin zu ressourcenschonenden Rück- und Umbauszenarien bestätigt. Im Innenraumbereich sorgen die umfangreiche Verwendung organischer und recyclefähiger Materialien, die Platzierung von Pflanzen, sowie der Einsatz von warmen Lichtfarben zusätzlich für eine auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Atmosphäre und erweitern das umweltfreundliche Gebäudekonzept auch in seiner Wahrnehmung und Erlebbarkeit durch die Nutzer. Im Ergebnis wurden dem Gebäude die bestmögliche Klassifizierung durch die DGNB, das Platin Zertifikat, zuerkannt.

 

NAX: Die Gebäudetechnik von THE GRID wird als zukunftsweisend beschrieben. Was können wir uns darunter vorstellen? Was war Ihnen dabei besonders wichtig und welcher Mehrwert entsteht hier für das Unternehmen und seine Mitarbeiter?

 

© Wittmar Deimel

Prägende Kubatur durch konvexe und konkave Elemente

 

Jessica Borchardt: Das Gebäude überzeugt an dieser Stelle mit einem hochinnovativen haus- und sicherheitstechnischen Gesamtkonzept der Siemens Gebäudetechnik. Dieses basiert auf der modularen Lösung „Premium Office“ und dem Gebäudeautomationssystem „Desigo“. Diese Systeme und die praktischen Erfahrungen sollten später auch anderen DB Schenker Neubaustandorten in Dubai, Miami und Singapur zugute kommen. Das System umfasst unter anderem 560 Desigo-Raumautomationsregler, eine DALI- Beleuchtungssteuerung, eine Verschattungssteuerung mit 2000 Jalousien, ein Zutrittskontrollsystem mit 40 Siport-Lesern, eine Brandmeldeanlage mit 1.500 Brandmeldern, eine Einbruchmeldeanlage mit 50 Elementen sowie Videoüberwachung. Jeder Bereich des Gebäudes ist mit Raumautomationsreglern bestückt, mit denen sich Heizung, Kühlung, Licht und Verschattung optimal abstimmen lassen. Die individuellen Einstellungen der Nutzer werden automatisiert überprüft und mit roten oder grünen Symbolen auf ihre energetische Umweltverträglichkeit hin markiert.

Eine intelligente Gruppierung der Regelbereiche stellt diesen Komfort an Flexibilität auch unter veränderten Nutzungsanforderungen sicher. Das integrale Konzept erlaubt die Verzahnung der verschiedenen gebäudetechnischen Anforderungen eines modernen Bürostandorts. Auf der Seite der Nutzer steht der Komfort im Vordergrund, während quasi im Hintergrund eine ebenso flexible, wie präzise Haussteuerung die Zielwerte so energieeffizient wie möglich sichert. Die digitale Steuerung ermöglicht eine effektive Senkung des Energieverbrauchs unter weitgehender Berücksichtigung der Arbeitsbedingungen jedes einzelnen Mitarbeiters. Um eine effektive Nutzung zu gewährleisten, gab es Schulungen und Infomaterial für die Nutzer. Hinzu kam, dass durch den Einsatz einer innovativen Fahrstuhlautomatik auf jeweils einen Fahrstuhl pro Erschließungskern verzichtet werden konnte. Das führt hier zu zusätzlichen Ersparnissen beim Materialeinsatz und Energieverbrauch. Für uns war es wichtig, dass nicht die sichtbare Technik im Vordergrund steht, sondern der Nutzwert und das Wohlfühlempfinden der Mitarbeiter und Betreiber den innovativen Einsatz der Technik bestimmt.

 

© Wittmar Deimel

Linienführung als Wegeleitsystem

 

NAX: Das Erscheinungsbild und die Gestaltung eines Raums spiegeln die Werte und Einstellungen einer Organisation wider. Gute Arbeitsplätze bieten ausreichend Gelegenheit zum Wissensaustausch und zur Zusammenarbeit in größeren oder kleineren Gruppen und schaffen so Mehrwert für die Mitarbeiter. Neben Nachhaltigkeit und Gebäudemanagement stellen Sie auch die neue Arbeitswelt in den Mittelpunkt. Welche Vorzüge bietet das Gebäude hier den Mitarbeitern und welche Rolle spielte der Nutzer beim Entwerfen dieses modernen Bürogebäudes?

 

Jessica Borchardt: Neben Nachhaltigkeit und Gebäudemanagement steht die Gestaltung einer modernen und die Bedürfnisse der Nutzer fokussierenden Arbeitswelt im Mittelpunkt. Hier müssen die Anforderungen an die spezifischen Arbeitsabläufe im Abgleich mit den weichen Faktoren einer rundum guten Arbeitsatmosphäre betrachtet und umgesetzt werden. Auch hier hat es sich als außerordentlich nützlich erwiesen, die Mitarbeiter mit ihren konkreten Erfahrungen und Bedürfnissen frühzeitig in die Planung einzubeziehen. Zahlreiche Workshops und Schulungen sind im Vorwege veranstaltet worden und in den eigens hierfür ins Leben gerufenen steering committies ausgewertet worden. Das war besonders wichtig vor dem Hintergrund, dass das Unternehmen nicht einfach „umgezogen“ ist, sondern es wurde gleichzeitig eine moderne und passgenau Arbeitsstruktur und -kultur entwickelt. Die Veränderungen waren weitreichend und fingen bei der Tatsache, nun von Einzelbüros in ein Großraumbüro umzuziehen erst an und setzt sich über die Anforderungen des Desksharing fort.

 

© Wittmar Deimel

Mitarbeiterrestaurant mit Nutzeridentität

 

Wichtige Erfordernisse, die sich bei der Befragung herauskristallisiert haben, waren zum Beispiel Kommunikationsangebote, die den Austausch unter den Mitarbeitern anregen sollten und Raumsituationen, die für jede der betriebsspezifischen Erfordernisse geeignet sind, egal ob Rückzugsort, oder Platz für Diskussion, Kreativität und Kommunikation. Open Spaces und Shared Desks unterstützen die offene und flexible Arbeitskultur; sozialer Austausch wird besonders durch die darauf ausgerichtete Gestaltung des Betriebsrestaurants und des hauseigenen Cafés gefördert. Die neue DB Schenker Welt ist in seiner Form und Gebrauchsfähigkeit das Ergebnis der Mitwirkung aller: von den einzelnen Mitarbeitern, über den Betriebsrat bis hin zu den Führungskräften; ebenso wie die engagierten Entwickler KÖLBL KRUSE und uns als Architekten. Das ist gleichzeitig ein Teil des Erfolgs, der dem Projekt nach einiger Zeit des Betriebs nun attestiert werden darf.

NAX: Vielen herzlichen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, unsere Fragen zu beantworten!

Interview geführt im Juni 2020
Zur Webseite von BAID

 

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