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NAX-Report 04/20: Interview HPP Architekten

Interview mit Gerhard G. Feldmeyer und Antonino Vultaggio vom NAX-Patenbüro HPP Architekten "Die Wertschätzung für deutsche Architekten ist in Russland ungebrochen groß"

© HPP Architekten, Foto: Chris Rausch BEHRENDT & RAUSCH

Partner Antonino Vultaggio und Senior Partner Gerhard G. Feldmeyer, HPP Architekten

 

NAX sprach mit Senior Partner Gerhard G. Feldmeyer und Partner Antonino Vultaggio vom NAX-Patenbüro HPP Architekten über ihre Erfahrungen  auf dem russischen Markt. Sie berichten u.a. von dem Projekt Multifunktionsarena Jekaterinburg aber auch von den Unterschieden bei den Planungsprozessen und den Besonderheiten bei der Zusammenarbeit mit russischen Partnern.

 

© HPP Architekten

Das gläserne Zugangsgeschoss schafft eine Fuge zwischen Podium und dem gewölbten, transluzenten Baukörper.

 

NAX: Sie realisieren z.Z. in Russland das Projekt Multifunktionsarena Jekaterinburg, bitte berichten Sie uns doch kurz über das Projekt.

HPP Architekten: Der Bauherr, die Ural Bergbau- und Metallurgie-Holding (UGMK), hat HPP im Jahr 2018 den Zuschlag erteilt und mit den Leistungen „Concept“ und „Schematic Design“ beauftragt. Die UGMK Arena wird mit 15.000 Zuschauerplätzen die neue Heimstätte der Eishockey-Mannschaft Awtomobilist Jekaterinburg sowie des Frauen-Basketballvereins UGMK Jekaterinburg sein und entspricht den Standards internationaler Wettkämpfe. Als Multifunktionsarena konzipiert, ist die Arena auch Austragungsort für zahlreiche weitere Sportarten wie Hockey, Basketball, Volleyball, Eiskunstlauf oder Boxkampf sowie für internationale Großveranstaltungen. Das Baugrundstück befindet sich im Herzen der Stadt am revitalisierten Ufer des Isset-Flusses. Die Entscheidung der Stadt, die Arena an diesem zentralen Ort entstehen zu lassen, erlaubt eine nachhaltige Belebung des Quartiers. Die Multifunktionsarena wird durch die Gewinnung neuer städtischer Aufenthaltsräume und Nutzungen ein Entwicklungstreiber für die Stadt Jekaterinburg sein.

 

© HPP Architekten

Blick auf eine der Zugangstreppen zur UGMK-Arena.

 

NAX: Kurz nach der Grundsteinlegung für den Bau der Multifunktionsarena in Jekaterinburg am 31.11.2019 begann die weltweite „Corona-Krise“. Wie hat sich die Pandemie auf das Arbeiten auf der Baustelle in Russland ausgewirkt?

HPP-Architekten: Unsere Leistungen waren damals bereits grundsätzlich erbracht, wir sind jedoch weiterhin in gestalterische Freigabeprozesse involviert und stehen in regelmäßigen Austausch mit dem russischen Generalplaner, der mit der weiterführenden Planung beauftragt wurde. Daher wissen wir, dass die Pandemie keine negativen Auswirkungen auf die Baustelle hat. Die Bauarbeiten laufen wie geplant ohne Einschränkungen und lassen sich über eine installierte Webcam live hier verfolgen. Während der intensiven Bearbeitungsphase gab es monatliche Abstimmungstermine vor Ort in Jekaterinburg und Moskau.

 

© HPP Architekten

Der Stadioninnenraum bei Nutzung als Eisarena.

 

NAX: Wie erleben Sie allgemein das Arbeiten und den Planungsprozess in Russland? Wie unterscheidet er sich vom Planen und Bauen in Deutschland? Gibt es Besonderheiten bei der Zusammenarbeit mit russischen Partnern?

HPP Architekten:

Leistungsbild & Vertrag
Das Erbringen einer reinen Architektenleistung ist in Russland nicht üblich, man ist dort in der Regel als Generalplaner tätig – der Architekt wird aber als Generalist gesehen. In unserem Fall war der architektengeführte Generalplaner gefragt. Eine Besonderheit dabei war sicherlich, dass wir einen Generalfachplaner unter Vertrag hatten, dessen Honorarvolumen deutlich höher war als das unsere. Trotz des Versuchs einer klaren Leistungsdefinition ist keinerlei Vergleichbarkeit mit dem Leistungsbild der HOAI gegeben. Der Weg zum Vertragsschluss gestaltete sich außerdem durch eine Vielzahl an Auflagen kompliziert und aufwendig. Im Fall der Multifunktionsarena kam eine Vielzahl von Planungsthemen auf uns zu, deren Umfang nicht von Anfang an aus der Leistungsbeschreibung erkennbar war. Der Umfang einzelner Leistungen, wie z.B. das Thema Sicherheit, ging weit über das im Rahmen der Planung zu Behandelnde hinaus und erforderte zusätzlich externe in Russland ansässige Fachplaner, die die lokalen Besonderheiten kennen.

Projektkommunikation
Wie bei vielen internationalen Zusammenarbeiten muss man sich grundsätzlich auf kulturelle und sprachliche Barrieren einstellen. Die gesamte schriftliche Projektkommunikation, die mit dem Vertragsschluss begann bis hin zum Abschluss von Leistungsphasen, war sehr aufwendig, formal und administrativ. Im Vergleich zu einem Planungsprozess in Deutschland, in dem die Planung vorwiegend anhand von Plänen abgehandelt und beim Abschluss durch eine gewisse Anzahl an Erläuterungen und Berechnungen ergänzt wird, wird in Russland jede einzelne Disziplin als eigenes Kapitel betrachtet und in Form eines Buches detailliert akademisch abgehandelt und in gebundener Form abgegeben.

Aufgabenstellung & Planungsprozess
Aufgabenstellung und Raumprogramm werden seitens der Bauherren nicht so gründlich vorbereitet wie bei uns üblich. Im Rahmen der oben beschriebenen Punkte obliegt es dem Generalplaner als Generalist bzw. dann den einzelnen Planern den Bedarf zu definieren, zu begründen und am Ende darzustellen. Während wir uns einer Aufgabe nähern, indem wir über alternative Lösungsansätze, Zielsetzungen und Systeme definieren, ist es in Russland üblich, aus einem vorgefertigten Bauteilkatalog Lösungen in einem additiven System zusammenzustellen. Wir sind es gewohnt, prozesshaft zu arbeiten, erst zu konzipieren und dann immer weiter zu detaillieren. Diese Herangehensweise unterscheidet sich wesentlich von dem hohen Anteil an Standardisierung und Katalogisierung der russischen Planungs- und Bauprozesse. Durch dieses System werden Abweichungen von der Norm, neue Ansätze und Innovationen erheblich erschwert. Daher ist die Planung in den frühen Leistungsphasen deutlich aufwendiger. Die Detailtiefe im „Concept Design“ ist erheblich höher als in der HOAI Entwurfsplanung. Es wird die Definition von Elementen gefordert, die zum Teil der hiesigen Werk- Montageplanung entspricht.

 

© HPP Architekten

Nachts beginnt die Fassade vom Inneren heraus zu leuchten.

 

NAX: Welche Marktchancen sehen Sie in Zukunft für deutsche Architekten auf dem russischen Markt?

HPP-Architekten: Aktuell empfinden wir die Bedingungen als schwierig, da die wirtschaftliche Lage schwierig ist. Aufgrund verfallender Rohstoffpreise gerät die Wirtschaft zunehmend unter Druck. Dennoch lässt sich sagen, dass die Wertschätzung für deutsche Technologie und somit deutsche Architekten und deren Know-how ungebrochen groß ist. Der Bedarf an internationalen Standards ist nach wie vor vorhanden.

 

NAX:Haben Sie Tipps für ein Büro, das gerade seinen ersten Auftrag in Russland ergattert hat?

HPP Architekten: Generell sollte man nicht in Vorleistung gehen, sondern einen ‚Cash-Positiven Zahlungsplan‘ vereinbaren. Da ein deutscher Planer per se nicht in der Lage ist, nach russischen Normen und Regeln zu planen, empfiehlt es sich von Anfang an parallel einen russischen Architekten Generalplaner vor Ort einzuschalten, der idealerweise das Projekt in den späteren Leistungsphasen weiterführt. Auch Aspekte wie beispielsweise ein hoher Übersetzungsaufwand sollten von vorneherein bedacht werden. Aus unserer Erfahrung ist es von großem Wert, einen markterfahrenen Berater an Bord zu haben, der als Mittler auftreten kann.

NAX: Vielen Dank, Herr Feldmeyer und Herr Vultaggio , dass Sie sich die Zeit genommen haben, unsere Fragen zu beantworten!

 

 

 

 
 

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